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The Hills Gravel- Lang und schmutzig

Es ist Freitag 11.30 Uhr. Wir hüpfen eilig in unser Auto, denn wir müssen spätestens um 18.30 Uhr an der Starnummernausgabe sein, bevor diese schließt. Das Ziel ist der Lago le Bandie, etwa 50 Kilometer nördlich vor Venedig, wo am morgigen Samstag das The Hills Gravelrace der Gravel Earth Series stattfindet. Unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln, wir sind ja schließlich in Italien, führt unser Plan zum gewünschten Erfolg. Um 19 Uhr, bewaffnet mit unseren Starterpaketen, machen wir uns vom Startgelände auf, um unser Hotel zu finden. Eine Pizza Margherita muss fürs Carboloading reichen. Jetzt ab ins Bett, denn um 8 Uhr morgen früh ist Rennstart.

Mit 183 Kilometer und 2.500 Höhenmetern durch die wunderschöne Prosecco Hills bewirbt der Veranstalter sein Event. Damit die Trauben für den Prosecco auch ordentlich gedeihen, werden sie von Petrus höchst persönlich gegossen, dies schon seit zwei Tagen.

Bella Italia ist heute also gar nicht so Bella, während ich mich versuche mit meiner DOWE Black Camo Regenjacke- 20.000mm Wassersäule – 389€ „Hier könnte ihre Werbung stehen!“ vor der Nässe zu schützen.

Der Startschuss fällt. Während mir die Topstars Lachlan Morton (Education Easypost), Alban Lakata (MTB Marathon Weltmeister), Jason Osborne (E-Cycling Weltmeister) und Co. davonziehen und mir vor Augen führen, welch ein Lauch ich bin, versuch ich eine passende Gruppe zu finden. Die ersten 10 Minuten im Pulk reichen aus und wir sehen aus wie die Schweine. Lässt du in der Gruppe Abstand, fällst du hinten raus, hängst am Hinterrad wirst eingesudelt, als hätte Rocco Siffredi seinen Saisonhöhepunkt.

Es braucht 25 Kilometer, bis sich die Gruppen beim Durchpflügen durchnässter Wiesen allmählich entzerrt haben. Nachdem ich meine Brille und den Garmin entschlammt habe, erhasche ich erstmalig einen Blick auf meine Leistungsdaten. Ein 30er Schnitt bis dato, sind bei diesen Bedingungen für eine alten Mann wie mich, too much. Es sind noch über 150 Kilometer zu fahren, die 16 angekündigten Hügel kommen erst noch und die Bedingungen werden sicher nicht einfacher. Am kommenden Hügel schalte ich in meinen Langstreckenmodus und fahre stur meinen Rhythmus. Mittlerweile bin ich unter der Regenjacke genau so nass, als wäre ich ohne gestartet. Ich entblöße mich bei einem kurzen Stopp und klettere weiter.

Nach rund 1,5 Stunden gibt’s dann ernüchternde Nackenschläge. Ein Motorrad kommt von hinten mit den Worten „Women’s Pro Group“. Ich werde von den Damen eingeholt, die 10 Minuten nach mir gestartet sind. Üblicherweise kann ich bei Breitensportveranstaltungen mit der schnellsten Dame mithalten, aber das hier, hat ein ganz anders Niveau. Es fahren gleich mehrere Damen an mir vorbei, teilweise aus derselben Mannschaft – die deutsche Meisterin Caroline Schiff ist schon abgehängt.

Wer hätte das gedacht, dass sich das Graveln so entwickelt. Vor einigen Jahren von vielen belächelt, als bärtige Veganer, den sportiven Zwängen entkommen wollten und mit ihren neumodischen Fahrrädern wochenends durch die Wälder gravelten, um ihre innere Base zu chillen.

Mittlerweile hat es ganz andere Ausmaße angenommen. Im März stehen hier im verregneten Italien über 1.000 Starter im Block. Profis und Athleten von sämtlichen Kontinenten. Ganze Gravelteams wurden gegründet, Frauenteams, welche gleich ein Dutzend Fahrerinnen beschäftigen. An den Hotspots stehen 10 Fotografen, um die Stars und die Topfahrer zu fotografieren, flankiert vom Kameramotorrad, welches bewegte Bilder für die live Insta-Storys liefert. Hier ist die Kohle, hier sind die Sponsoren, hier sind die Pros und die Hobbyathleten. Letzter haben viel Geld in ihr Material investiert. Während parallel andere Sport-Veranstaltungen ums Überleben kämpfen, ist das die goldene Kuh, die gerade gemolken wird.

Das sind meine Gedankengänge, mit welchen ich mich etwas vom Geschehen ablenke und mich in die zweite Rennhälfte trete.

Aus dem Gedankengang werde ich schlagartig geweckt, als ich nach einer Abfahrt plötzlich in einem Acker stehe. Das sieht so gar nicht nach Rennstrecke aus und meine Hintermänner sind auch nirgends mehr. Ich habe den Abzweig in den Trail verpasst und kämpfe mich nun den Berg hinauf, um wieder zurück auf den Track zu kommen. Ein kurzes F__K war da schon angebracht.

Kilometer 100 – ich bin gut verpflegt. Mehr als die Hälfte der Distanz und Höhenmeter sind geschafft. Die Wattzahlen sind noch gut und ich bin seit 20 Kilometer Solo unterwegs. Meinen Verfolgern kann ich entfliehen, vereinzelt sammle ich Fahrer ein. Ich bin nicht explodiert.

Wie Mathieu van der Poel, das Rad unter sich schwimmen lassen, sich den Weg suchend, vor der Kurve ausklicken und ungebremst durch die Kurve surfen, dann einklicken und beschleunigen. Genau so wäre ich gerne, während ich mit 300 Watt auf dem Pedal, durch die Matschwiese pflüge, von einer Fahrbahnseite auf die andere schlingere, wahlweise beide Arme oder Beine in der Luft und nicht schneller als mit 15 Km/h vorwärtskomme.

Nein, der Matsch ist nicht mein Freund. Manchmal bin ich sogar froh, wenn Fahren unmöglich ist und ich mal wieder laufen muss.

Die nächsten und auch die brutales Höhenmeter stehen an – der längste Uphill hat 15-20%. Gott bin ich froh, um meine Sram Transmission MTB Schaltung. Anders käme ich als 86 KG Tretschwein hier nicht hoch. Die leichteren Fahrer in Sichtweite, distanzierten mich deutlich und verschwinden aus meinem Blick.

Am Kulminationspunkt ist mein Bauchfett die treibende Kraft und zieht Richtung Tal. Es ist erstaunlich, wie gehemmt hier die Fahrer sogar auf Asphaltabfahrten agieren. Mir soll es recht sein. In der Talsohle angekommen habe ich überholt und weiter aufgeschlossen. Im darauffolgenden Anstieg wendet sich sogar das Blatt. Immer mehr Fahrer brechen ein, während ich störrisch in meinem Langstreckenrhythmus bleibe. Ich war nie schnell, aber ich bin nach 6 Stunden Fahrtzeit auch noch nicht langsamer.

Kurzzeitig denke ich sogar, ich sei der neue Fahrtechnikgott, wahrscheinlich war es eher pure Gleichgültigkeit. Ich mache sogar in den Matschabfahrten Zeit und Plätze gut. In den Abfahrten komme ich ran, in den nachfolgenden Wellen setze ich mich ab. So mach ich binnen 500 Metern schlagartig 10 Plätze gut.

Es ist der Moment es zu Ende zu bringen, 30 Kilometer verbleiben. Von hinten kommt nichts mehr. Ich bilde ein Duett, vor uns ein weiterer Fahrer in Sichtweite. Ich schmiede den trügerischen Plan, an der kommenden Verpflegung durchzuziehen und so etwas Vorsprung zu haben.

Hat kurz funktioniert, aber die beiden schließen die Lücke. Um es kurz zu machen, wir zerlegen uns auf den kommende 25 Kilometern gegenseitig und ich werde zumindest Zweiter aus der Gruppe.

Nach 8:45 finishe ich das The Hills Gravelrace. Diejenigen die es ins Ziel geschafft haben, sind ProRider, Kämpfer oder Beides.

Es war einer dieser Tage, an denen du als Sportler wachsen kannst. Die dir Selbstvertrauen geben. Genau das brauche ich, denn in 4 Wochen stehen dann statt 180, 360 Kilometer bei Traka 360 an…hoffentlich bei besserem Wetter.

Happy ride

Euer Daniel