Sadistin

…und da war sie wieder, die Sadistin…

 

In unserem ersten Blogbeitrag habe ich euch den Ablauf und Zweck eines Leistungstests beschrieben. Der Nutzen dieses Tests besteht aber natürlich nur in den ermittelten Leistungsdaten, bzw. der Analyse sowie den Rückschlüssen, die man für das Training gewinnt.

Ich möchte nun gar nicht im Detail auf meine Leistungsdaten eingehen, möchte aber trotzdem mein Empfinden schildern.

Schon im Frühjahr habe ich einen solchen Test in Basel absolviert, allerdings unter anderen Bedingungen und ohne Spiroergometrie. Damals standen 370 Watt und 186max Puls in der Auswertung. Nun kam ich, wenn auch nach einer vierwöchigen Pause, mit einer ähnlichen Erwartungshaltung nach Lindau.

 

Nach meinem persönlichen Empfinden war ich zunächst nicht so happy mit dem Ergebnis: nicht mal die Tatsache, schon bei 330 Watt am Ende zu sein – nein, der Max-Puls bei knapp über 170 Schlägen machte deutlich, heute konnte ich mich nicht recht ausbelasten. Warum, wieso, weshalb ist nun völlig egal, es ist halt manchmal so. Es gibt Tage, da verliert man und Tage, da gewinnen die andern. Betrachte ich den Leistungstest im Nachgang ganz pragmatisch, kann ich zufrieden sein, denn er lieferte die Werte, die wir fürs kommende Training benötigen - nicht mehr und nicht weniger.

 

Vier Tage nach dem Test kam dann das Fazit von Andrea in Form einer schriftlichen Auswertung. Darin verbargen sich viele nette Zeilen, die für positive Stimmung sorgten. Die Ausdauerleistung hat sich im Vergleich zum Test im Frühjahr verbessert, ein Körperfettgehalt von 10,8 % zu dieser Jahreszeit ist auch positiv zu bewerten. Mit meinen Leistungsdaten liege ich im Vergleich in den ersten 50 % meiner Altersklasse. In Summe bin ich jetzt im November in besserer Verfassung als im Januar diesen Jahres. Die Krönung kam dann mit folgendem Satz: „wir müssen aber noch etwas mit deinem Stoffwechsel tun, eventuell weniger Kohlenhydrate und mehr Fett und Eiweiß konsumieren“. Dieser Satz katapultierte mich auf Wolke 7, ich fühlte mich wie ein Kind an Weihnachten, als hätte ich im Lotto gewonnen.

 

Vor meinem geistigen Auge zogen Bilder vorbei, Bilder wie ich während des Grundlagentrainings mal kurz mit dem Rennrad in den McDrive einbiege. „Einmal Big Mac mit Pommes bitte, meine Trainerin will das so“. Ich reiche der Dame am Schalter meine zwei Trinkflaschen. „Die eine bitte mit Cola ohne Eis, die zweite bitte mit MC Flurry Bounty voll machen. In diesem Moment schien alles so perfekt. Danke Andrea, danke der Welt, danke meiner tollen Familie - doch ich vergaß vor lauter Euphorie, die Mail zu Ende zu lesen...

 

... und da war sie wieder, die Sadistin…

Die erste Daumenschraube, die mir Andrea verpasste, hörte auf den Namen „Ernährungsprotokoll“. Ab sofort hieß es, von jeder Mahlzeit und Getränk ein Bild via WhatsApp an Andrea senden. Schon am ersten Tag wurden die Zuckerwürfel im Espresso akribisch notiert und mein Datenvolumen restlos aufgebraucht. Zu diesem Zeitpunkt sah ich meine Pläne mit Big Mac und Co schon davonschwimmen.

 

Tatkräftige Unterstützung beim Essensdialog mit Andrea erhielt ich auch von meiner Frau. Nun kam die Rache für die mangelnde Unterstützung meinerseits bei ihren Diäten: selbst gemachte Pralinen waren dicht gefolgt vom aufgefüllten Süßigkeitenschrank nach dem wöchentlichen Einkauf.

 

Aber diese Blöße konnte ich mir nicht geben. Andrea abends noch Bilder von Chipstüten, M&M Packungen, Zimtsternen und Co. zu schicken brachte ich nicht übers Herz, das ließ mein Stolz einfach nicht zu. So leide ich nun Abend für Abend. Bescheißen geht auch nicht, Frauchen wie auch mein Freundeskreis haben die Handynummer von Andrea. Mach ich kein Foto, gehen diese petzen. Danke für den Support, Leute...

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn in der Mail von Andrea stand dann noch das Kleingedruckte. Die zweite Daumenschraube hört nun auf den Namen „spezielles Stoffwechseltraining“. Folgender lapidarer Satz glich einem Kopfschuss, einer Enthauptung, 1000 Peitschenhieben: „Lieber Daniel, um deinen Stoffwechsel anzukurbeln, verordne ich dir drei Trainingseinheiten à 0,5 Std in der Woche. Diese sind morgens direkt nach dem Aufstehen auf nüchterne Magen auszuführen.“

 

WAAAAAAAAAAAAAAAASSSSSS?????

 

Ich Tollpatsch und Morgenmuffel, der ohne 2 Espresso erst gar nicht die Augen öffnet, der innerhalb von 5 Minuten das ganze Haus weckt, weil er gegen die Tür rennt? Ich soll nun morgens trainieren?

 

Ja, ich soll!

 

Was also dem einen sein Knoppers morgens halb 10 in Deutschland ist, ist dem Daniel sein Spinningrad, Montagmorgen um 5.45 Uhr… Mann, wie liebe ich diesen Sport

 

Glücklicherweise hat sich inzwischen das Thema mit den Süßigkeiten, wenn auch auf unschöne Weise, erledigt. Genau in der Woche des Ernährungsprotokolls hatten wir einen Einbruch zu beklagen. Der ertappte Täter konzentrierte sich auf den besagten Schrank, leider konnte er mit dem kompletten Inhalt fliehen.

 

Mit dem morgendlichen Stoffwechseltraining sollte ich schnell Fortschritte machen, mein Stoffwechsel tut dies in bemerkenswerter Form. Die Freude über seine verfrühte Aktivität bringt er mit hochgradigem Heißhunger zum Ausdruck. Getrieben von meinem Stoffwechsel heißt es um Punkt 9 Uhr ab in die Kantine. Fleischkäsweckli, Nussgipfel, Schnitzelbrötchen, ja, genau in dieser Reihenfolge, bitte. Doch die Vernunft siegt, ich quäle mich zurück an meinen Platz und widme mich meinem Joghurt und etwas Obst.

 

An dieser Stelle muss ich den Beitrag nun beenden. Die Buchstaben erscheinen langsam unscharf, muss wohl an der Unterzuckerung liegen.

Danke fürs Mitlesen,

 

Euer Daniel

 

 

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